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THE LAW OF THE REVERSAL OF TENDENCIES

by Klaus Schlichtmann

 

ART. IX / 九条

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7. Die deutsche Politik auf den Haager Konferenzen.

 

In den vorangehenden Kapiteln ist mehrfach auf die Haager Kon­ferenzen bezug genommen und die Auffassung vertreten worden, daß Deutschlands Haltung dort eine ganz wesentliche Ursache für die Entstehung des Weltkrieges und für die deutsche Isolierung gewesen ist. Da die betreffenden Vorgänge im großen Publikum noch immer so gut wie ganz unbekannt sind, so soll im folgenden das Allerwesentlichste kurz zusammengefasst werden, zugleich mit der Wiedergabe einer Reihe von Urteilen der hervorragendsten Sachverständigen. Vielleicht kann der Einblick in diese Phase deutscher „Weltpolitik “ manchem durch die nationalistische Lügenpresse betrogenen Deutschen auf die richtige Spur hellen und ihm an einem drastischen Beispiel zeigen, wie unhaltbar angesichts der konkreten Tatsachen die bekannte Ausrede ist, am Weltkriege seien alle Völker gleich schuldig. Sehr richtig fragte der Marburger Völkerrechtslehrer Schücking schon im März 1915 (Forum, München):

„Wer von allen den Professoren, die Kundgebungen unterzeichnet und Kriegsbroschüren geschrieben haben, weiß denn überhaupt etwas davon, wie sehr Deutschland gerade in dieser Frage die Auslandmächte auf den Haager Konferenzen vor den Kopf gestoßen hat? Wer von den neueren Historikern in Deutschland hat denn überhaupt für notwendig erachtet, sich mit dem Hergang der Dinge auf den Haager Friedenskonferenzen vertraut zu machen?“

Verglich man die Art, wie der Vorschlag zur ersten Haager Konferenz von den verschiedenen politischen Gruppen und Pressevertretern Deutschlands und wie er von der übrigen Welt aufgenommen wurde, so bekam man schon damals einen Eindruck von allem, was folgen würde. Überall in der Welt fast einstimmige Begrüßung, in Deutschland fast ebenso einstimmige, höhnische Ablehnung. Professor V. Kahl gab der herrschenden Stimmung Ausdruck, wenn er sagte: „Unsere Vorväter, die alten Germanen, würden sich bei dem Gedanken einer vollständigen Abrüstung noch im Grabe umdrehen.“ Die anderen Mächte, deren Staatswesen keine Militärstaaten waren und denen auch durchaus jene Romantik des Soldatengeistes fehlte, die den deutschen Steuerzahler mit den Rüstungslasten aussöhnte, sahen in der Einberufung der Haager Konferenzen den letzten Versuch, das bedrückende Wettrüsten zu beenden und die das ganze Wirtschaftsleben lähmende Unsicherheit der Weltlage durch eine hoch entwickelte Technik des Feuerlöschens zu überwinden. Die deutsche öffentliche Meinung vermochte diese Beweg­gründe in keiner Weise zu würdigen. Die ganze Aktion wurde als ein Bluff zur Entwaffnung Deutschlands, im besten Falle aber als Ausgeburt eines lebensfremden Idealismus betrachtet. Der Kaiser gab die Parole aus vom scharfgeschliffenen Schwerte als der besten Garantie des Friedens. Man hatte auch nicht die leiseste Ahnung davon, auf welche starke Traditionen und auf welche soziologischen Grundlagen die [S. 125] Friedensbewegung in den anderen Ländern zurückging; alles wurde von der eigenen besonderen Mentalität ans beurteilt. Was Frankreich betrifft, so sah man nicht, was der Dreyfußprozeß mit seiner Wiederbelebung der Ideen von 1789 für den Aufschwung der Friedensbewegung bedeutet hatte und wie viele der ersten politischen Köpfe der Nation (man denke an Bourgeois‘ Buch „Solidarité“) die neuen Ideen ausgearbeitet und ins Volk getragen hatten, nicht als ein bloßes pazifistisches Programm, sondern als eine Vertiefung der demokratischen Ideen und eine neue Anwendung dieser Ideen auf alle Probleme der menschlichen Gesellschaft. Was England betrifft, so wurde schon im vorangehenden darauf hingewiesen, wie die Wiederbelebung der Free-trade-Tradition im Anfang unseres Jahrhunderts die Träger des britischen Welthandels in das pazifistische Lager brachte; die besten Aufsätze gegen den Imperialismus waren schon seit 1896 in dem großen Organ der Aktionäre des britischen Handels, der „Investors Review“ zu finden; dazu kamen die liberalen Kreise Englands, die in der „Westminster “, in dem „Manchester Guardian“ und in den „Daily News“ ihre Organe hatten, und die immer deutlicher zu der Einsicht kamen, daß angesichts der Fortschritte der kriegerischen Zerstörungstechnik die Sicherheit Englands nicht mehr durch Machtmittel, sondern nur durch eine neue Weltordnung verbürgt werden könne. Was endlich Amerika angeht, so sind dort genau so wie in England erstens die religiösen Traditionen des Pazifismus (Quäker und Puritaner) unvergleichlich stärker als im deutschen Protestantismus, der sich ganz und gar dem Cäsar verschrieben hatte, und zweitens war auch dort die Friedensbewegung etwas ganz anderes, als eine bloße Sammlung von pazifistischen Vereinen: Nämlich sie war der Ausdruck des weltpolitischen Denkens der großen Geschäftsleute, die mit der Parole „we want a consolidated world“ geordnete und berechenbare Weltzustände wünschten, um ihr Kapital, ihre Technik und Pionierenergie in größtem Maßstabe in die Welt tragen zu können; diese Kreise standen auch, mehr als man damals gewusst bat, hinter dem russischen Abrüstungsvorschlage von 1899. In diesem Geiste haben die Vereinigten Staaten z. B. mit größtem Nachdruck die Einigung aller amerikanischen Staaten gefördert; sie haben ferner seit 1899-1909 allein dreiunddreißig Schiedsgerichtsverträge geschlossen, während Deutschland in gleicher Reihe mit Staaten wie San Domingo, Haiti, Kuba, Panama und Persien mit nur einem einzigen ständigen Schiedsvertrag auf der Liste steht[1]. Aus allen Bekenntnissen des deutschen Delegierten Professor Z o r n, sowie aus den Erinnerungen anderer Delegierter (vgl. z. B. die Aufsätze von Lammasch, Deutsche Revue, Juni und Juli 1915) geht deutlich hervor, einen wie tiefen Eindruck dieser ganz in preußischen Traditionen aufgewachsene Jurist von der Zusammenarbeit mit den Vertretern all der oben geschilderten Strömungen erhalten hat; er hatte lediglich Ideologie erwartet, und erhielt nun Einblick in eine ganz neue Welt von sehr realen [S. 126] Möglichkeiten und Notwendigkeiten, die von Männern vertreten wurden, die mit beiden Füßen im wirklichen Leben standen und die stärksten Traditionen ihrer Kultur und ihrer Wirtschaft hinter sich hatten. Zorn aber, der während der Verhandlungen selber ganz für die Haager Idee gewonnen wurde, war nicht mehr imstande, das Unheil abzuwenden, das aus der ganzen antipazifistischen Geistesrichtung Neudeutschlands unaufhaltsam über Deutschland und über die Welt hereinzubrechen sich anschickte. Der gleiche Geist, der den General v. Loringhofen noch im dritten Kriegsjahr in einer Schrift über „die Lehren des Weltkriegs“ die Auffassung aussprechen ließ, daß Völkerbund und Schiedsgericht „eine unerträgliche Bevormundung“ bedeuteten - dieser Geist war im neudeutschen politischen Denken zu tief gewurzelt, um eine rechtzeitige Neuorientierung zu erlauben und die deutsche Seele dem dringenden Appell der übrigen Kulturwelt zu öffnen[2]. Gibt es eine treffendere Beleuchtung jener ganzen tragischen Selbstisolierung Deutschlands, als den Umstand, daß in dem Buche des Fürsten Bülow, das den Titel „Deutsche Politik“ führt, die Haager Konferenzen mit keinem Worte erwähnt sind? In der Tat, die „Deutsche Politik“ und die „Haager Politik“ waren unvereinbare Gegensätze[3]. Und sie waren es deshalb, weil die neue deutsche Politik im Gründe keine  d e u t s c h e  Politik im wahren und ältesten Sinne, sondern  preußische  Politik war. Fürst Bülows sogenannte „Deutsche Politik“ ist — wenn auch ungewollt — die denkbar grellste Darstellung des Kontrastes zwischen den riesenhaften weltpolitischen Aufgaben einer neuen Zeit und den gänzlich unzulänglichen Mitteln der preußischen Staatskunst. Die neudeutsche Realpolitik wollte eine neue Weltaufgabe, die nach ganz anderen Methoden rief und für deren Losung die übrige Welt mit weit richtigerem Instinkte die Methode der Schiedsgerichte vorschlug, mit den alten Mitteln der preußischen Kriegsgeschichte und in der Tonart des märkisch-ostelbischen Herrentums anpacken. Es wird erzählt, daß der alternde Fürst Bismarck beim Anblick des internationalen Treibens in dem erweiterten Hamburger Hafen ganz ergriffen ausgerufen habe: „Eine ganz neue Welt, eine ganz neue Welt!“ Vielleicht überkam den Greis hier doch eine Ahnung, daß zu dieser ganz neuen Welt wohl auch  g a n z  neue Methoden in der Auseinandersetzung der  I n t e r e s s e n  gehören und daß man nicht überall der erste und der  [S. 127] sich restlos Durchsetzende sein könne, sondern mit anderen und älteren Traditionen ein weit blickendes Arrangement treffen müsse, wenn man nicht eines Tages eine Weltkoalition gegen sich haben wolle. Diese Ahnung ist jedenfalls dem Fürsten Bülow niemals gekommen. Aus dieser Ahnungslosigkeit wird die Rolle Deutschlands auf der ersten Haager Konferenz begreiflich. Man erwählte zum Führer der deutschen Delegation den Fürsten Münster, der von der Tragweite der ganzen Sache nicht die leiseste Idee besaß und der daher auf den Treppen des Friedenspalastes jedem, der es hören oder nicht hören wollte, darzulegen suchte, daß die ganze Sache „Humbug“ sei. Von ihm schreibt der amerikanische Botschafter  W h i t e  in seinem Buche (Aus meinem Diplomatenleben S. 408; Leipzig 1906): „Unbestritten ist Graf Münster trotz all seinen hervorragenden Eigenschaften – er ist tatsächlich das glänzende Beispiel eines vornehmen alten deutschen Edelmanns – gesättigt mit Ideen, die vor fünfzig Jahren maßgebend waren.“ Diese Kennzeichnung kann auf die ganze deutsche Weltpolitik angewandt werden. Treffend wurde dieses Zurückbleiben Deutschlands durch den amerikanischen Delegierten Dr. Holls beleuchtet, der bemerkte: „Der Zug ist zum Abgehen bereit, und wenn die Deutschen nicht im Wagen Platz nehmen, so wird man sie auf dem Bahnsteige zurücklassen.“ So geschah es auch nach den Haager Konferenzen. Dieses wurde dann bei uns als Neid und Bosheit gedeutet ...

Auf der ersten Haager Konferenz waren unsere Delegierten beauf­tragt, g e g e n  j e d e  A b r ü s t u n g  und gegen das internationale Schieds­gericht zu stimmen. Schon die scharfe Ablehnung des ersten Punktes brachte die übrigen Delegierten in große Erregung. Als aber dann die deutsche Delegation auch gegen das Schiedsgericht Front machte, brach ein Sturm los. Der italienische Delegierte Graf  Nigra wandte sich mit tiefbewegten Worten an Professor Zorn und sprach von der großen Verantwortung vor der Geschichte, wenn das Projekt nicht durchdringe. Der Botschafter W h i t e bemühte sich in stundenlangen Unterredungen, dem Fürsten Münster klar zu machen, worum es sich handle, und welche Erbitterung in der ganzen Welt sich gegen den Deutschen Kaiser zusammenballen werde, wenn die deutsche Regierung das ganze Werk zu Falle bringe. Die oft beteuerte deutsche Friedens liebe komme in das übelste Licht, wenn man sich in dieser Sache gegen die ganze Welt stelle. Endlich drang White durch. Der Delegierte Zorn reiste nach Berlin und setzte es endlich durch, daß wenigstens der ständige Schiedsgerichtshof zugegeben wurde, wenn auch der obligatorische Charakter abgelehnt wurde - wodurch man allerdings die ganze Institution von vornherein der stärksten friedensstiftenden Kraft beraubte.

Infolge der aufrichtigen Bekehrung Zorns zu den Grundideen der Konferenz war Aussicht vorhanden, daß die zweite Haager Konferenz 1907 größere Fortschritte und Verständigungen bringen werde. Zunächst wurde die Abrüstungsfrage von England mit größtem Nachdrucke auf die Tagesordnung gesetzt. Der ganz pazifistische Premier Campbell [S. 128] Bannerman rief der Konferenz damals zu: „Bestehen Sie im Namen der Menschlichkeit darauf ‚ daß das Rüstungsproblem verhandelt wird.“ In einem Artikel der „Nation“ kündigte er an, daß die britische Regierung, die bereits durch Herabsetzung der Vorlagen pro 1906 einen Beweis ihrer Bona fide gegeben, bereit sei, noch weiter zu gehen, wenn sie ähnlicher Disposition an anderen Orten begegne. Die ganze Antwort der deutschen Regierung bestand darin, daß man drohte, die Konferenz überhaupt nicht zu beschicken, wenn die Rüstungsfrage nicht vom Programm abgesetzt werde. Der zweite Schlag ins Gesicht, den man damals der übrigen Kulturwelt versetzte, war die Ersetzung Zorns durch zwei andere Delegierte; der eine davon war der Professor v. Stengel, der sich durch eine Schrift gegen die Friedensidee bekannt gemacht hatte, der andere war Geheimrat Kriege, der die Konferenz durch den trockenen Ton außer sich brachte, mit dem er alles bekämpfte, was den anderen Nationen vor allem am Herzen lag und was allein geeignet gewesen wäre, dem Weltkriege vorzubeugen. In bezug auf die Abrüstungsfrage bemerkt Wehherg in seinem Buche: „Die internationale Be­schränkung der Rüstungen“ (Stuttgart 1919, S. 219): „Das weitaus wichtigste, das zentrale Problem der zweiten Haager Konferenz war die Schaffung eines Weltschiedsvertrages. Wiederum brachte Deutschland diesen Vorschlag durch seine an den Haaren herbeigezogenen Einwände zu Fall. Alle Bedenken Deutschlands, die in dieser Richtung geäußert wurden, waren nur Vorwände, um die prinzipiell unerschütterlich ablehnende Haltung des Deutschen Reiches mit einem Schein von Begründung zu versehen. Die zweite Haager Konferenz endete infolgedessen nach dem Worte Zorns in einer allgemeinen Verwirrung. Man war in allen Ländern von der Stellungnahme Deutschlands tief enttäuscht.“

Professor Zorn selber bemerkt zu dem Verlade dieser Konferenz:

„Mit einer fast an Heftigkeit grenzenden Energie verlangte die große Mehrzahl der Staaten das obligatorische Schiedsgericht als Bekenntnis zum allgemeinen Frieden. Abermals erwies sich das deutsche Auswärtige Amt als völlig unfähig, diese große internationale Bewegung zu verstehen und ihr gerecht zu werden. Dabei standen deutsche Interessen der Annahme des obligatorischen Schiedsgerichts in allen unpolitischen Streitsachen keineswegs entgegen. Statt sich dem allgemeinen, so stark geltend gemachten Willen der Staaten anzuschließen und damit der internationalen Friedensatmosphäre einen unermesslich großen Dienst zu leisten, versteifte sich das Auswärtige Amt abermals auf unbedingten Widerspruch und vergeudete Zeit und Kraft für die Fragen des Seekriegsrechts, dessen völlige Wertlosigkeit jedem Völkerrechtskundigen von vornherein klar war. Die Konferenz ging infolgedessen in größter Disharmonie and unangenehmster Stimmung auseinander“ (im „Tag“ vom 17. Oktober 1918).

Und weiter in der „Kölnischen Zeitung“ (15. Juni 1915):

„Ich habe es tief bedauert, daß die schöne gemeinsame Arbeit der ersten auf der zweiten Friedenskonferenz mit einem Missklang endete, und ich bekenne es offen und ehrlich, daß ich dies für einen Fehler der deutschen Vertretung gehalten habe und noch halte — alle meine Bitten bei meinem verehrten Freunde, dem Botschafter Marschall v. Bieberstein, hatten keinen Erfolg.“

Und Dr. A. H. Fried fällt folgendes Urteil („Die zweite Haager Konferenz, ihre Arbeiten, ihre Ergebnisse und ihre Bedeutung“, S. 200ff.):

[S. 129]

„Auf Deutschland fällt nun die Verantwortung, daß es im Jahre 1907 nicht zur Annahme eines obligatorischen Schiedsvertrages kam…. Deutschland hat durch seine hartnäckige und unversöhnliche Stellungnahme gegenüber dem ausgesprochenen Willen einer kompakten Staatenmehrheit, der die größten Kulturstaaten angehören, seine Sympathien in der Welt nicht vermehrt. Es hat mit seiner Stellungnahme den größten Fehler begangen, den die deutsche Politik in der nachbismarckschen Zeit begangen hat...

„Der Politiker wird sich die Frage vorlegen müssen, welchen Zweck die Reichsregierung mit einer solchen Handlung eigentlich verfolgte, er wird sich die Frage vorlegen müssen, wie groß das der Regierung vorschwebende Ziel eigentlich sein müsse, wenn sie, gestützt auf die Kleinstaaten des Balkans und Belgiens, und nur mit halbem Herzen gedeckt von Österreich-Ungarn und der Schweiz, bei völligem Abseitsstehen des Bundesgenossen Italien, es für gut fand, einer Welt zu trotzen, noch dazu in einer Sache, die ihren Verfechtern immer die moralische Unterstützung der öffentlichen Meinung gesichert. Der Politiker wird in den offiziellen Verhandlungsprotokollen der Haager Konferenz sicherlich den Schlüssel für manche künftige Vorgänge des internationalen politischen Lebens finden, mit denen Deutschland keine Ursache haben könnte, zufrieden zu sein.“

Die vorstehende kurze Zusammenstellung von Tatsachen und Gutachten wird wohl genügen, um jedem vorurteilsfreien Leser die nach den Haager Konferenzen beginnende diplomatische „Einkreisung“ Deutschlands begreiflich zu machen. War es zu verwundern, daß man sich nunmehr auf einen Weltkrieg mit Deutschland vorbereitete? Die Worte der Revue des deux mondes: „Ils voulaient garder les mains libres pour la guerre“ drückten die allgemeine Empfindung Europas aus. „Alle Teilnehmer der Konferenz,“ so sagt Gothein in der oben zitierten Schrift, „nahmen von dieser Konferenz den Eindruck mit, daß Deutschland und das in seinem Kielwasser segelnde Österreich-Ungarn der internationalen Verständigung die größten Hemmnisse in den Weg legten, weil sie sich in der Absicht, den Frieden zu brechen, sobald ihnen die Gelegenheit dazu günstig erscheine, auch nicht durch internationale Abmachungen hemmen lassen wollten. Beide waren seitdem Gegenstand des allgemeinen Misstrauens[4].“

Und an solchem Wesen sollte die Welt genesen!

Es soll gewiss nicht vergessen werden, daß das Misstrauen Deutschlands in die Absichten der Nachbarn seine Nahrung aus schweren geschichtlichen Erfahrungen und aus manchen neueren hetzerischen Kundgebungen und bösen Tönen von Seiten der Umwelt gezogen hat. In diesem Sinne wurzelt die Schuld des einen gewiss auch immer irgendwie in einer Schuld der anderen. Die verantwortlichen Leiter der deutschen Politik durften sich aber doch nicht vor der Erwägung verschließen, daß eine solche Herausforderung an die ganze Welt – und die deutsche Stellungnahme im Haag  w a r  eine Herausforderung - die Entwicklung eines Weltvolkes, wie es das deutsche war, doch viel schwerer gefährden musste, als dies jemals durch eine leichte militärische Entblößung inmitten allgemeiner Abrüstung hätte geschehen können. Im übrigen: Die Hauptursache der deutschen Stellungnahme im Haag lag nicht im Misstrauen, sondern in jener tiefgewurzelten Abneigung gegen das Übernationale und Überstaatliche, gegen Einordnung und Verständigung, die für das preußische Herrentum und den darauf aufgebauten, starren Machtstaat charakteristisch war und die Preußen-Deutschland unausweichlich in schwersten Konflikt mit der nach einer neuen Ära überstaatlicher und zwischenstaatlicher Ordnungen drängenden Umwelt bringen musste[5].


 

[1] Vgl. A. H. Fried, „Auf hartem Grund“. Hamburg 1919.

[2] Oberst v. Schwarzhoff, der in der Rüstungsfrage den ablehnenden Standpunkt Deutschlands vertreten hatte, wurde von der Universität Königsberg zum Dank der Ehrendoktor verliehen! In dieser selben Stadt soll Kant einstmals seinen „Traktat zum ewigen Frieden“ geschrieben haben.

[3] In seiner Schrift „Meine offene Korrespondenz“ usw. (Freier Verlag, Bern), verweist Prof. Dr. O. Nippold auf einen wichtigen Aufsatz des russischen Historikers Walischewski (1916), der die Alternative  H a a g   o d e r   B e r l i n  charakterisiert und unter Berlin die Militarisierung der Welt, unter Haag das Ideal versteht, das der dortige Friedenspalast symbolisiert. Entweder werde die Welt nach Berlin oder nach dem Haag gehen. W. sieht in der Wiederher­stellung der ethischen Ideale die einzig würdige Kompensation für die riesengroßen Opfer des Weltkrieges.

[4] Der Verfasser erinnert sich an folgenden charakteristischen Vorfall bei der Einweihung des Friedensmuseums in Luzern (1902). Bei der Festversammlung wurden eine ganze Reihe von Reden hervorragender Friedensfreunde Amerikas, Frankreichs, Englands, Italiens und der Zentralmächte gehalten. Da erhob sich zum Schluss der zufällig auf der Durchreise anwesende preußische General v. Bohne, um in einer, im bekannten Ton gesprochenen Ansprache die Anwesenden darüber zu belehren, daß alle jene neuen Ideen „ja gewiss sehr schön“ seien, aber keine Aussicht auf Verwirklichung hätten, wir müssten mit ganzer Kraft rüsten, um mit Ehren zu bestehen, „wenn jemand uns an den Wagen fahren“ wolle. Der Redner wurde ruhig angehört, es herrschte aber nachher in dem ganzen Saale eine derartige einstimmige Erbitterung über diesen Exkurs, daß ich eine düstere Ahnung davon bekam, daß der deutsche Wagen wohl bald mit den Wagen der ganzen Welt zusammenstoßen und dabei in Stücke geben werde.

[5] Direktor Simons vom Auswärtigen Amt sagte im Jahre 1919 dem Ver­treter des Holland Nieuwe Bureaus: „Die deutsche Politik in der Schiedsgerichts- und Abrüstungsfrage Anno 1907 ist, wie ich glaube, eine der wesentlichen Ursachen des Kriegsausbruches 1914 und der deutschen Niederlage.“ Endlich ein offenes amtliches Zugeständnis!

 

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284 The means to real peace. -

No government nowadays admits that it maintains an army so as to satisfy occasional thirsts for conquest; the army is supposed to be for defence. That morality which sanctions self-protection is called upon to be its advocate. But that means to reserve morality to oneself and to accuse one‘s neighbour of immorality, since he has to be thought of as ready for aggression and conquest if our own state is obliged to take thought of means of self-defence; moreover, when our neighbour denies any thirst for aggression just as heatedly as our State does, and protests that he too maintains an army only for reasons of legitimate self-defence, our declaration of why we require an army declares our neighbour a hypocrite and cunning criminal who would be only too happy to pounce upon a harmless and unprepared victim and subdue him without a struggle. This is how all states now confront one another: they presuppose an evil disposition in their neighbour and a benevolent disposition in themselves. This presupposition, however, is a piece of inhumanity as bad as, if not worse than, a war would be; indeed, fundamentally it already constitutes an invitation to and cause of wars, because, as aforesaid, it imputes immorality to one‘s neighbour and thereby seems to provoke hostility and hostile acts on his part. The doctrine of the army as a means of self-defence must be renounced just as completely as the thirst for conquest. And perhaps there will come a great day on which a nation distinguished for wars and victories and for the highest development of military discipline and thinking, and accustomed to making the heaviest sacrifices on behalf of these things, will cry of its own free will: ,we shall shatter the sword‘ - and demolish its entire military machine down to its last foundations. To disarm while being the best armed, out of anelevation of sensibility - that is the means to real peace, which must always rest on a disposition for peace: whereas the so-called armed peace such as now parades about in every country is a disposition to fractiousness which trusts neither itself nor its neighbour and fails to lay down its arms half out of hatred, half out of fear. Better to perish than to hate and fear, and twofold better to perish than to make oneself hated and feared - this must one day become the supreme maxim of every individual state! - As is well known, our liberal representatives of the people lack the time to reflect on the nature of man: otherwise they would know that they labour in vain when they work for a ,gradual reduction of the military burden‘. On the contrary, it is only when this kind of distress is at its greatest that the only kind of god that can help here will be closest at hand.  The tree of the glory of war can be destroyed only at a single stroke, by a lightning-bolt: lightning, however, as you well know, comes out of a cloud and from on high. (R.J. Hollingdale, transl., Human, All Too Human. A Book for Free Spirits, Cambridge Texts in the History of Philosophy (1996), pp. 380-81)

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